Iceland
Abbildungen einer kollektiven Sehnsucht
von Lukas Treiber
Die Bilder der vorliegenden Reihe widmen sich den spektakulären Landschaften und Gewässern des Inselstaats Islands, während der von Dunkelheit und märchenhaften Lichtstimmungen durchdrungenen Wintertage. Hier ermöglicht eine in tiefrotes Dämmerungslicht getauchte Tundra den Einblick in die vulkangeprägte Landschaft der östlich gelegenen Landgemeinde Berunes. Dort lädt das von Sedimenten aufgeschichtete Gebirgsmassiv Esja, wie von einer Art Schleier des Nordlichts Aurora Borealis umhüllt, zur Kontemplation.
Verweilt der Blick auf Moons over Eystrahorn, dem ersten Bild der vorliegenden Serie, lässt sich das Ausmaß der charakteristischen Stimmung in den Arbeiten Richters vollumfänglich erleben. Diese Stimmung eines befangenen Staunens, verdankt sich einer Auswahl und Inszenierung von Motiven, die aufgrund der umgebungs- sowie zeitbedingten Lichtarmut verdunkelt und verundeutlicht sind. In Erscheinung treten bloß Fragmente, wie die Gischt der schäumenden Wellen oder die Lichtspiegelungen des Nebelgewölks. Diese Fragmente erfahren gerade in der Reduktion eine visuelle und semantische Akzentuierung. Um Moons over Eystrahorn zu vervollständigen, die blinden Flecken und Schattenbereiche zu belichten, sodass die Erwartungen an eine vertraute Topologie erfüllt werden können, sind die Betrachtenden auf ihr Vorstellungsvermögen angewiesen. Denn, ob sich unter den am oberen Bildrand versammelten Lichtpunkten, die der Bildtitel als Monde suggeriert, tatsächlich Eystrahorn erhebt, lässt sich in Anschauung der visuell erfassbaren Bildoberfläche nicht aufklären: In dem bildgegenwärtigen Obskurantismus verdunkeln sich die Vorstellungen vom Dasein beinahe gänzlich. Dieser Umstand konfrontiert die Betrachtenden mit den Grenzen ihres Erkenntnisvermögens, ermöglicht aber gleichermaßen die Erfahrung eines den Mangel an Wissen kompensierenden Vorstellungsvermögens in kreationistischer Höchstform: Plötzlich beginnt sich der Nebelschleier um Eystrahorn zu lichten und aus dem Horizont ragen die Segel eines Fischerbootes.
Seit Kant in der Kritik der reinen Vernunft den Beweis geführt hat, dass ein unendliches Phänomen wie das der Natur, mit einem beschränkten Apparat wie dem menschlichen Verstand nicht erkannt oder verstanden werden kann, ist gleichsam der Erkenntnisfähigkeit des Menschen eine unüberwindbare Grenze gesetzt worden. Zudem verlieren exklusive Deutungsansprüche ihren Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Wer sich von dieser narzisstischen Kränkung erholt hat, muss konsequenterweise die Autonomie und den übersinnlichen Kern von den Objekten und Erscheinungen dieser Erde anerkennen und über einen neuen Zugang zur Realität nachdenken.
Indem die Gischt, die Monde, der Nebel sich einer letzten Erkenntnis entziehen, legen sie spekulative Deutungen nahe. Diese Deutungen entscheiden sich von Erkenntnissen insofern, dass sie nicht als zweifelsfreier Kriterienkatalog zur Feststellung der Wahrheit ausgewiesen werden können, sondern müssen sich varianten Deutungsversionen im Rahmen der Interaktion und des Dialogs aussetzen. Weil die Dinge an sich autonom und unerkennbar bleiben sowie in der kommunikativen Interaktion deutungshalber zur Debatte stehen, stimulieren sie eine Denk- und Suchbewegungen, die theoretisch unabgeschlossen bleibt.
Auch die Grenzen von Dichtomie und Binarität verschwinden im Saum der Umnachtung auf den Arbeiten Richters. Auf Black Beach Iceland hingegen bestimmt die zweigliedrige Gegensätzlichkeit durch den hohen Kontrast und die Topographie einer Abgrenzung, durch die schräge Horizontlinie des schwarzen Strandes, umso stärker die Bildwahrnehmung. Jedoch wirken die dichotomen Kontrastpaare hier nicht antonym oder als Gegensätze. In ihrer Dynamik und dem Hang zum Vermischen – das Salz des Meeres lagert sich auf den Landmassen ab, welche unaufhörlich ins Gewässer dringen – verhalten sich Meer, schwarzer Sand und Äther wie in einer naturgesetzlichen Komplementarität zueinander.
Es mag an der Einzigartigkeit und wundersam verkehrten Eigengesetzlichkeit Islands liegen, dass wir der Natur dort so geistig entwaffnet begegnen: Dem eigenartigen Gang der Sonne, die im Winter nur für wenige Stunden leuchtet und sich im Wesentlichen auf ein zügiges Auf- und Untergehen konzentriert, ist geschuldet, dass die fotografierten Kulissen durch ein gleißendes Licht von Morgengrauen oder Abenddämmerung getaucht sind. Durch den Wasserreichtum, der durch das Wechselspiel polarer Kälte und der geothermischen Hitze sich allerorts zu dichten Nebelschwaden kondensiert und über die Landschaft legt, ist eine klare Sicht auf die Erscheinungen der Natur im Grunde unmöglich. Felsformationen und Horizonte, die eine unebene Linie zwischen tosender See und Wolkenhängen bilden, erscheinen als Bruchstücke, Schemen und verweisen damit auf ein Verborgenes, erst noch zu Entdeckendes. Aufgrund der entweder diffusen, bunt leuchtenden oder schier abwesenden Lichtverhältnisse, der Nebeldecken sowie der eisigen Windböen, die sowohl Meer als auch Landschaft in Aufruhr und stetige Bewegung versetzen, gewinnen die Bilder der vorliegenden Reihe etwas Ephemeres und unerklärlich Magisches. Wo Magie und Mystik den Raum bestimmen, geraten wir ins Sehnen und Träumen. Die Denk- und Empfindungsräume, die Richter hier schafft, vermögen den Mangel von Idylle und Einklang einer technisch durchrationalisierten und hochfrequenten Welt für Augenblicke vollständig beseitigen. Auf diese Weise erscheinen die Arbeiten Richters wie Abbildungen einer kollektiven Sehnsucht. Diese Sehnsucht, für die die Abbildungen eine so verführerische Projektionsfläche liefern, ist es schließlich auch, die daran zu glauben verführt, das Gesehene sei die Wirklichkeit.















